-Johann Wolfgang von Goethe - Die Leiden des jungen WertherJohann Wolfgang von Goethe
aus: Die Leiden des jungen Werther - Am 21 Junius (1774)

(...) So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.

Wenn ich des Morgens mit Sonnenautgange hinausgehe nach meinem Wahlheim, und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich dann in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten aus Feuer stelle, zudecke und mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl' ich so lebhaft wie die übermütigen Freier der Penelope Ochsen und -Johann Wolfgang von Goethe - Die Leiden des jungen Werther (Reclam)Schweineschlachten, zerlegen und braten. Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte als die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektion in meine Lebensart verweben kann.

Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er 'selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgeniesst.


Buchllink Buchllink (Taschenbuch)
Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther
in: Goethes Werke, hg. von E. Trunz, Band VI, Romane und Novellen I, Verlag C.H. Beck, München 1993 (13. Aufl.), S. 29 f. (Am 21. Junius) oder: Reclam Verlag, 67, Stuttgart, S. 31 f.