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Literaturfragmente:

Essenszeremonien

Gerhard Meier
aus: Land der Winde (1990)

Inhalt

Gerhard MeierGerhard Meier (*1917)

Über drei Jahrzehnte arbeitete Gerhard Meier in einer kleinen Lampenfabrik in Niederbipp, seinem Heimatdorf am Südfluss des Schweizer Jura. Er verzichtet der Familie zuliebe auf jede literarische Betätigung. Erst in seinem 54. Lebensjahr entschloss er sich zu tun, wovon er schon immer geträumt hatte: zu schreiben. In rascher Folge entstand ein umfangreiches Werk, dessen Rang erst nach und nach erkannt wurde.


Gerhard Meier - Land der Winde
(...)

Flädlisuppe, Rindsbraten, Kartoffelstock, gemischter Salat, das obligate Menu eben, komme diesmal nicht auf den Tisch, dafür aber Eierpilze, Reis, Salat, Rotwein, sagte Katharina.

Von der Küche her war danach munteres Pfannengerassel zu hören, während Napoleon, wie an jenem Karnevalswochenende, durch sein Fernrohr schaute, über die Steppe hin, nach Moskau, das er einzunehmen gedachte, gegen den Widerstand von Marschall Kutusow und dessen Landwehrmännern, die am Abend vor der Schlacht bei Borodino weisse Hemden angezogen hatten, um sauber anzutreten, am Morgen dann, zur grossen Schlacht.

Nun begannen die Eierpilze in der Bratpfanne zu duften, so dass die ursprüngliche Liegenschaft wieder zu erstehen schien, wo Kaspars Mutter noch unten, auf einem primitiven Holzherd Eierpilze gebraten hatte, so dass das ganze Haus nach Pilzen und Wald gerochen habe. Und in mir drin erstand das Bildnis der Natascha, die beim Pilzesammeln auf den Bienenvater gestossen war. Ich bekam die Christi-Verklärungs-Kirche vor Augen, den Onegasee, auf welchem die Natascha und Fürst Andrej unter den Klängen von Schostakowitschs Vierter im Boot nach der Insel hinausfuhren, Natascha in einer weissen Bluse, gazefein und vom Winde bewegt. Und ich sah die Wolken darüber, die feinen, das Spiegelbild der Christi-Verklärungs-Kirche im Onegasee, verspürte den Wind im Gesicht, der von der Insel her zu wehen schien, auf welche Natascha und Fürst Andrej ihre Füsse setzen sollten und wo dann Fürst Andrej einen Eierpilz zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieb, so dass die Umgebung nach Eierpilz zu duften begann, während der Wind in den Kronen das Lied zu raunen beliebte, das ewige der Wälder eben.

Katharina trat herein, deckte den Tisch, holte Speise und Trank. Ich füllte die Gläser. Wir stiessen an, auf Kaspars Rede aus dem Grabe, wobei man fand, dass Kaspar, dieser Rede nach zu schliessen, sich doch insgeheim als Schriftsteller empfunden haben musste, und dass er es wahrscheinlich auch hinter dem Sternbild der Jagdhunde noch so halte, eben seiner Rede nach zu schliessen, die er gehalten hatte an diesem Martinisömmerchentag, wo man am liebsten Birken zählen gegangen wäre, bis nach Russland hin, wo sie grosse Matten säumen, auf denen Kesselschlachten stattgefunden haben, wo heute noch Schädel herumliegen, Schenkelknochen, und wo sie, diese Birken, aufzublühen belieben, um danach mit Würde den Winter entgegenzunehmen, im Frühling ein zartes Grün aufzusetzen, als hätte es keinen Winter gegeben, keine Kesselschlachten, und als gelte es, neu anzufangen auf einer Erde, wo's eben ein St. Petersburg gibt, ein Jasnaja Poljana.

Ich bat Katharina noch einmal um Eierpilze, Reis, Salat; füllte die Gläser.

(...)


Buchllink
Gerhard Meier
Land der Winde
in: Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. (1990), S. 72

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BB / 5.8.2004 - Last update: 27.12.2004
Autor: Dr. Bruno Baumann / Seitenaufrufe:
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